Willy Marchand

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Herkunft

 

Willy Marchand K 61

Quelle:

Staatsarchiv Coburg, K 61 Nr. 3380

Eine schillernde Persönlichkeit - das war der Kommentar von Professor Dr. Günter Dippold zu Willy Marchand, als ich ihm von meinem Projekt zur Erforschung des Schicksals der Juden in Lichtenfels erzählte.

 

Willy Marchand war das einzige Kind von Max und Henriette Marchand. Er wurde am 31. März 1897 in Wiesbaden geboren. Im Oktober 1897 zog die Familie von Wiesbaden nach Lichtenfels. Sein Vater besaß eine Korbhandelsfirma, die sich auf den Import und Export mit Frankreich und Belgien spezialisierte.

 

 

Ein begabter Schüler

Von 1903-1908 besuchte Willy die Volksschule zusammen mit seinem Freund und späteren Rechtsanwalt Dr. Thomas Dehler. Dr. Thomas Dehler war nicht nur einer der wenigen Anwälte, die während des Nationalsozialismus Juden vertraten, sondern auch Mitbegründer der FDP Bayern nach dem Ende des NS-Regimes und erster Bundesjustizminister der Bundesrepublik Deutschland. Er war verheiratet mit Irma Frank, einer Jüdin.

 

Nach der Volksschule besuchte Willy die neu gegründete Realschule, das heutige Meranier-Gymnasium, und anschließend das Coburger Gymnasium Casimirianum. Dort ging er zusammen mit Robert Pauson aus Lichtenfels in den Unterricht. Willy nahm Unterricht in Italienisch und Spanisch.

 

Von 1917 bis 1919 arbeitete Willy als Volontär beim Coburger Tageblatt, dem Presseorgan der Sozialdemokratie, und schrieb mehrere Artikel über Lichtenfels und die Umgebung. Von 1919 bis 1920 verfasste Willy Marchand das Buch "Coburg am Scheideweg", in dem es um die Zugehörigkeit Coburgs zu Bayern oder Thüringen ging; es erschien im Veste Verlag Roßteutscher in Coburg.

 

Buch von Willy Marchand - Coburg am Scheidewege

Scheitern als Korbhändler

 

Geschäftshaus Marchand Postkarte

Geschäftshaus

Sein Vater Max starb und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Lichtenfels beigesetzt. Nach dem Tod des Vaters übernahm Willy 1923 die Korbhandelsfirma. Sechs Jahre später musste das prestigeträchtige Geschäftshaus zwangsversteigert werden, die Firma ging in Konkurs.

Psychische Erkrankung

Im September 1931 beantragte die Schwester seiner Mutter, Emma Braunschild, beim Amtsgericht Coburg, Willy wegen geistiger Minderwertigkeit zu entmündigen. Zwei Wochen später beantragte auch Willys Mutter Henriette die Entmündigung. Begründet wurde dies mit seinem abnormen Geschäftsgebaren, das sie fast völlig ruinierte; er schien an Größenwahn und Paranoia zu leiden.

 

In der Folgezeit wandte sich Willy Marchand wiederholt an staatliche Stellen und behauptete, durch seine angebliche Beziehung zur rumänischen Königin den englischen König beeinflussen zu können. Weiter behauptete er, die deutsche Außenpolitik werde wesentlich von ihm, Willy Marchand, bestimmt.

 

Ab 1935 wurde er von der Polizei überwacht und schließlich am Morgen des 4. Januar 1936 von der Gendarmerie in der Heilanstalt Kutzenberg eingesperrt. Dort wurde er mit einfachen Buchbindearbeiten und Papierkram beschäftigt. Aus einer Liste der dort geführten Krankenakten geht hervor, dass Willy Besuche von Dr. Thomas Dehler und den jüdischen Familien Kraus, Hellmann und Goldmeier aus Lichtenfels erhielt.

Aufnahembogen Marchand K 61

Fingerabdrücke

Quelle: Staatsarchiv Coburg, K 61 Nr. 3380

 

Ermordung im Rahmen der „Aktion T4“

 

Willy Marchand Passbild 1939

Fotografie aus der Kennkarte 1939:

Quelle: Staatsarchiv Coburg,

K 61 Nr. 3380

Aus der Krankenakte geht auch hervor, dass Willy Marchand zum Zeitpunkt der Einlieferung nur 1,53 m groß war und 52 kg wog. Willy verbrachte fast fünf Jahre in Kutzenberg, bevor er am 14. September 1940 mit anderen jüdischen Patienten in die Anstalt Eglfing/Haar transportiert wurde.

 

Der Name Marchand erscheint auf einer Verlegungsliste, die im Rahmen der Nürnberger Prozesse erstellt wurde. Es ist davon auszugehen, dass Willy am 20. September auf dem Transport nach Hartheim bei Linz war und noch am selben Tag ermordet wurde. Demnach starb er im Alter von 43 Jahren und wurde als letzter Jude auf dem jüdischen Friedhof in Lichtenfels beigesetzt.

 

70.000 Insassen von Heil- und Pflegeanstalten fielen der von Hitler angeordneten "Aktion T4" zum Opfer. Aus der Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg wurden in den Jahren 1940 und 1941 446 Patienten in eine der sechs Tötungsanstalten der "Aktion T4" deportiert und dort im Rahmen der sogenannten Euthanasie ermordet. Im bevorstehenden Neubau der Klinik in Kutzenberg soll nun unter der Regie der Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die Opfer entstehen.

 

Gaskammer Schloss Hartheim

Bildquelle: 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6c/Schloss_Hartheim_Gaskammer_201702.jpg, Fotograf stefan97; unverändert

 

 

 

 

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